Who’s in heaven, who’s in hell

Ein Erfahrungsbericht zwischen Mob und Elite
Musiker sind die die modernen Helden, das weiß jeder. Dass tote Musiker die modernen Götter sind, auch. Selbst Roadies haben inzwischen ihren gerechten Anteil am Mythos abbekommen.
Aber was ist mit den wahren Helden des Musikbusiness?
Wer redet schon von den Dienstleistenden im Backstagebereich? Den Köchen, Klomännern und Gratis-Masseurinnen? Sie sind das [...]

Ein Erfahrungsbericht zwischen Mob und Elite

Musiker sind die die modernen Helden, das weiß jeder. Dass tote Musiker die modernen Götter sind, auch. Selbst Roadies haben inzwischen ihren gerechten Anteil am Mythos abbekommen.

Aber was ist mit den wahren Helden des Musikbusiness?

Wer redet schon von den Dienstleistenden im Backstagebereich? Den Köchen, Klomännern und Gratis-Masseurinnen? Sie sind das Salz der Erde, das Blut in den Adern, das Knochenmark im Skelett des Tourlebens. Und ohne sie, das steht mal fest, wäre das Fête de la Musique eine reichlich traurige Angelegenheit gewesen.

Immer auf der Suche nach guten Gigmöglichkeiten zieht der ‘Red Bull Tourbus’ durchs Land, allzeit bereit, ein kleines Gratiskonzert zu geben, bezahlt von der österreichischen Getränkefirma. Jetzt hat er Halt im Berliner Mauerpark gemacht – was sich ganz gut trifft, weil heute ja auch das Fête de la Musique ist. Eigentlich ist der Backstagereich nur eine kleine Fläche Wiese hinter dem Bühnenbus. Hier stehen Lounge-Zelte, Tische, eine Bar. Am Eingang bekommt man als Pressevertreter ein rotes Band.

Durch das rote Presseband bekommt der Arm, der es trägt (und damit im besten Fall auch der Besitzer), eine große Exklusivität, könnte man meinen. Bedeutet er doch: Ich darf umsonst am Red Bull-Stand trinken, am China-Stand essen und mich massieren lassen. Ich darf mit wissendem Blick an der Security vorbei, rein in das Heiligste. Ich bin was.

Und wie schnell man den Blick für die einfachen Leute verliert, wenn man zu den Privilegierten gehört. Dabei sind sie doch gut zu sehen: Da sitzen sie zu Hunderten auf den Hügeln, und warten. Aber sie sind draußen. Einzelne kann man nicht erkennen, nur eine große Masse, einen Menschenteppich. Plötzlich entwickelt man großes Verständnis, Mitgefühl, Sympathie für die FDP.

Und wenn man jetzt vor die Masse treten würde, und einer würde das rote Band sehen, und rufen: Einer von denen!, würden sie dann alle nach vorne stürzen, den Arm abreißen, um an das kostbare Gut zu kommen? Und dann würden sie sich gegenseitig zerfleischen, homo homini lupus, um endlich ins Heiligste zu kommen, und Klaas Heufer-Umlauf dabei beobachten können, wie er das erste kostenlose Bier des Tages trinkt.

Denn auch ein paar richtige Prominente hat es hierhin verschlagen. Da ist Klaas, aus dem im besten Fall mal ein richtg guter Moderator werden könnte, und, wenns schlecht läuft, ein halber Pocher. Da ist Jan Sosniok, warum auch immer (und wer auch immer). Und vielleicht ist das da hinten Pola Roy. Genau sagen kann man es nicht, denn alle großen dünnen Männer mit langen schwarzen Haaren und Bart sehen ja gleich aus. Wenn man sich ihm nähern und ihm in die Augen sehen könnte, dann hätte man Gewissheit. Aber natürlich trägt er eine Sonnenbrille.

Genauso wie der Mann, der vielleicht Tim Renner ist. Und es würde auch passen: Schließlich hängt ein einzelner, würdevoller gelber Motor-FM-Ballon in der Luft, als stummer Zeuge dafür, dass es hier vielleicht auch um Musik geht.

Draußen fängt die Show an, der Spaß-Rapper Marteria tritt mit seiner Band of Brothers auf. Sie sind gut drauf  und das Publikum, wahrscheinlich eher wegen der „Mediengruppe Telekommander“ gekommen, geht tatsächlich teilweise mit. Nur vereinzelt sind hämische „Yo motherfucker yo“-Sprüche zu hören – woran manche Menschen halt so denken, wenn sie Hip Hop hören.

Währenddessen filmt im Heiligsten eine junge Moderatorin einen Konzertbericht. Fast könnte man glauben, sie wäre bei MTV – wenn MTV denn noch solchen Aufwand für sein Programm betreiben würde. Diesen „Ick klatsch mir auf die Schenkel, ick komm aus Berlin“-Shtick, der selbst bei Nora Tschirner eher trostlos war, beherrscht sie aber sehr gut.

Dann wird es Zeit, das Büffet näher zu untersuchen. Die Könner von „China Brenner – Kunst Koch Events“ bereiten sehr leckere Nudel-Terrinen vor, mit verschiedenen Saucen, Gewürzen und Nüssen. Draußen tritt eine neue Band auf. Der Sound ist hier hinten eher gedämpft, deswegen hören sich Kissogram im Jahr 2009 fast genauso wie die Stooges im Jahr 1969 an. Was vermutlich nicht der Punkt des Ganzen ist.

Für die Hip-Hop-Entourage wird es Zeit, einen zu rauchen. Gemeinschaftlich teilt man sich das Dope. Wieso nur?

Schließlich hat man doch freien Zugang zum Getränkeangebot von Red Bull. Red Bull, Red Bull sugarfree, Vodka Red Bull.

Vodka Red Bull und 22° in der Sonne kommen dem Verfasser eigentlich wie eine schlechte Idee vor. Aber dem Verfasser kommt auch Polarkreis 18 wie eine schlechte Idee vor. Was versteht er also schon?

Wie exklusiv hier alles ist. Inzwischen soll auch der Drummer von Silbermond hier sein. Jemand trägt über dem Jackett ein Palituch, und zwar ein echtes, in schwarz-weiß. Er will sich die Sonnenbrille hoch setzen, was ihm aber schwer fällt, weil er eine Glatze hat. Und sogar die Klofrau sieht aus wie ein Türsteher, ist bullig und trägt ein Goldkettchen. Er sorgt für die dringend benötigte Toiletten-Sicherheit. Findet auch Klaas Heufer-Umlauf, tritt wohlbehütet aus dem Klowagen und öffnet eine Flasche Carpe Diem, dem Botanic Water mit Cranberry-Aroma.

Und auf einmal ist Flo da und weiht den Verfasser in ein paar elementare Wahrheiten ein. Flo ist Werber und, nach eigener Aussage, „total betrunken.“ Journalismus, sagt er, ist gut. Verkauf dich nicht! Er hat sich, so sagt er, schon verkauft. Aber an die Guten. Und nicht an die Bösen – an die Kommunisten und an den BDI, zum Beispiel.

Es gibt hier schon echt schöne Frauen, sagt Flo. Siehst du die da hinten? Die Blonde? Na ja, die sieht ein bisschen so aus, als wär sie von nem Golfturnier geflogen. Aber du weißt, was ich meine.

Aber warum ist er eigentlich hier?

Er hält kurz inne. Oder fällt er nach vorne um? Nein, er sagt bedächtig: Red Bull…hat einen jährlichen Werbeetat von 300 Millionen. 100 Millionen für Autorennen. Und der Rest für Festivalzelte. Das ist der einzige Grund.

(Tatsächlich sind die Marketingausgaben weithaus höher. 365 Millionen im letzten Jahr allein für Sportsponsoring.)

Plötzlich macht alles Sinn. Das ist also das alles hier: Scheiß auf die Musik, Red Bull ist am Start, und deswegen sind alle hier am Start. Es gibt gratis Getränke, gutes Essen, und Kontakte. Das ist es also.

Und dann hat Flo sein Getränk noch einer Frau ins Top gegossen, die darauf ruft: Wie ekelig! In den Ausschnitt. (Das ist okay, erklärt er später, die kannte ich.)

Jetzt treten endlich Mediengruppe Telekommander auf. Sie klingen tatsächlich, wie angekündigt, wie die deutschen Beastie Boys. Nur, dass sie zu zweit sind. Und Goyim. Was vermutlich der Punkt des Ganzen ist. Sie fordern: „Die Hände hoch, schreit unseren Namen.“ Eigentlich sinds alle auch kleine Faschisten, würde Adorno sagen.

Ein schwarzer Hund läuft mit Ohrenschützern herum. Die Hip-Hop-Entourage wird sentimental und fällt sich in die Arme. Es ist ist nicht mehr hell und heiß, aber Klaas Heufer-Umlauf hat sich die Sonnenbrille aufgesetzt. Zeit, zu gehen.

Man schiebt sich durch die bewegte Menge, die Masse, den Mob, kurz: die Leute, die wegen der Musik da sind. Hier kostet eine Dose Red Bull 2 Euro. Der Typ von Warren Suicide zieht auf der Bühne mit freiem Oberkörper seine Iggy-Nummer ab. You’re in heaven, we’re in hell, oder umgekehrt. Schwere dunkle Wolken hängen am Himmel, durch die sich das bronzene Licht der Dämmerung schneidet. Selbst, wenn alle auf den Hügeln zusammen chanten würden: Rain Stop!, der Untergang ist unvermeidlich. So gut ist die Stimmung dann doch nicht auf dem fête de la musique.

Fabian Wolff

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